Moving Target

Ein Grundproblem der Energiewende ist die völlig unzureichende Vergegenwärtigung, was das eigentliche Ziel ist.

Klingt schräg? Ist es auch!

So gut wie jeder sieht die Ereignisse in Fukushima 2011 als Wendepunkt der Energiepolitik hierzulande. Die schon seit Jahrzehnten heftig diskutierte Atomenergie hatte angesichts des Worst-Case, einer wiederholten Havarie, dieses mal eines sicher geglaubten Kernkraftwerkes, den letzen verbliebenen Rückhalt in der Bevölkerung verloren.

Tatsächlich wurde in der Folge von Fukushima eine vorher beschlossene Verlängerung der Laufzeiten der Atommeiler wieder zurückgenommen. Unter Kanzler Schröder (rot-grünes Kabinett) wurde bereits im Jahr 2000 der Einstieg in den Ausstieg beschlossen und 2003 wurde mit Stade der erste Atommeiler aus dem Netz genommen. 2005 folgte der Atommeiler Obrigheim und für die restlichen verbliebenen Meiler wurden Produktionsmengen vereinbart die ursprünglich ein sukzessives Herunterfahren der Atomenergie in den Jahren 2015-2020 vorsah.

Wenn man Produktionsmittel – wie die Atommeiler – aus dem Netz nehmen möchte, und das Ziel hat, in der Summe deren produzierten Menge an Energie (Strom und Wärme) durch Alternativen zu ersetzen, dann ergibt sich spätestens im Jahr 2010 ein konkretes Bild:

Kernkraftwerk Stade (2003) 672 MW brutto

Kernkraftwerk Obrigheim (2005) 357 MW brutto

In der Summe mussten 1029 MW brutto zu diesem Zeitpunkt bereits ersetzt worden sein


Ursprüngliche Projektion 2015 -2020

Kernkraftwerk Biblis A 1.225 MW brutto

Kernkraftwerk Biblis B 1.300 MW brutto

Kernkraftwerk Brunsbüttel 806 MW brutto

Kernkraftwerk Isar 1 912 MW brutto

Kernkraftwerk Krümmel 1402 MW brutto

Kernkraftwerk Neckarwestheim 1 840 MW brutto

Kernkraftwerk Philippsburg 1 926 MW brutto

Kernkraftwerk Unterweser 1410 MW brutto

Kernkraftwerk Grafenrheinfeld 1345 MW brutto

Kernkraftwerk Gundremmingen B 1344 MW brutto

Kernkraftwerk Philippsburg 2 1468 MW brutto

Grohnde 1430 MW brutto

Brokdorf 1480 MW brutto

Gundremmingen C 1344 MW brutto

Isar 2 1485 MW brutto

Neckarwestheim 2 1400 MW brutto

Emsland 1406 MW brutto

In der Summe mussten zum damaligen Zeitpunkt 21.523 MW brutto bis 2020 ersetzt werden.

Offenbar bekam die zweite Regierung Merkel kalte Füße und gab dem Druck der Atomlobby nach und beschloss 2010 eine Verlängerung der Laufzeiten der Atommeiler.

Dann passierte, was sich keiner vorstellen wagte und in Fukushima kam es 2011 zum GAU.

In der Folge wurde die Verlängerung zurückgenommen und die letzten Atommeiler sollten spätestens 2022 vom Netz gehen. Unter dem Eindruck welche Folgen die Havarie in einem hochentwickelten Land wie Japan hinterließ, wurden noch 2011 die ältesten deutschen Atommeiler aus dem Netz genommen. Raus aus der Atomenergie – rein auch in Alternativen mit den Erneuerbaren Energieformen als klaren Kontrapunkt zu einer Form der Energiegewinnung, deren Hinterlassenschaften Halbwertszeiten mit sich bringen, die unsere Vorstellungskraft in jeder Hinsicht sprengen.

Aber: Zum damaligen Zeitpunkt verließ man sich auf die Kapazitäten an Kohle und Gas-Kraftwerken zur Kompensation. Mit deren Hilfe schien das Ziel ambitioniert (sehr!) aber machbar. Dabei sei bemerkt, daß man sich auch auf einen Technologieschub bei den Kohlekraftwerken verließ (Effizientere Anlagen und Reinigung der Abgase).

Spätestens mit der Weltklimakonferenz in Paris 2015 rückten die großen CO2 Emittenten in den Fokus der öffentlichen Debatte. Und um es abzukürzen: Die Kompensation mit Kohle wurde in der Folge immer kritischer gesehen. Und heute sprechen wir nicht nur vom Ausstieg aus der Atomenergie sondern auch vom Ausstieg aus der Kohle.

So wichtig und richtig diese Zielvorstellungen auch sind, so täuschen sie nicht darüber hinweg, daß die durch Alternativen zu produzierenden Strommengen extrem nach oben katapultiert werden, ohne an irgendeiner Stelle ein Zwischenziel zu haben, anhand dessen man den bisher beschrittenen Weg kritisch begutachten und aus etwaigen Fehlern lernen könnte. Denn keine Änderung kommt zum CO2 Nulltarif (und CO2 sollte nicht das einzige Kriterium sein).

Zudem werden Zielvorgaben stetig erhöht und gleichzeitig immer vager, so bläht die Mobilitätswende (E-Mobilität) und „grüne“ Produktion (CO2 neutral) den Bedarf in absehbarer Zukunft weiter enorm auf. Der steigende Bedarf der Privathaushalte sei mal außen vor gelassen.

Was fehlt, ist eine Zielfestschreibung deren Erreichen in einem gesetzten Zeitfenster realistisch ist und in Ihren Folgen den Menschen und der Umwelt auch zumutbar ist (Eine dynamische Entwicklung heißt nicht, daß es keine konkreten Ziele geben kann). Momentan erwecken die Verantwortlichen nicht den Eindruck, überhaupt zu wissen wo die Reise hingehen soll. Das einzige was Ihnen bleibt ist Tempo zu machen. Tempo, Tempo, Tempo, … für welches konkretes Ziel mit welchen Mitteln?

Die Energiewende droht zu scheitern – wenn man das ursprüngliche Ziel aus dem Jahr 2000 als Grundlage nimmt, dann ist sie bereits gescheitert. Wenn es der Politik nicht unmittelbar gelingen sollte, anhand echter Fortschritte ( = konkrete vermittelbare Ziele) mit einem deutlich höherem Maß an Transparenz, systematisch und belastbar den Weg in die Zukunft zu weisen, dann werden die Herausforderungen, die die Energiewende unweigerlich mit sich bringt, die Gesellschaft auf eine Probe stellen, der die Wende selbst zuerst zum Opfer fallen dürfte.